Nachlese zum dritten Tag der offenen Tür

Als Brief des Vaters an seinen Jüngsten

Hallo Cornelius,

schade, dass Du unseren diesjährigen „Tag der offenen Tür“ nicht wie sonst mit vorbereiten und begleiten konntest. Nun ja, wenn Dein Chef für diesen Tag im Betrieb „Inventur“ angeordnet hat, darf natürlich kein Mitarbeiter fehlen – man muss es einsehen (trotzdem schade!).

So habe ich mich nun entschlossen, Dir schriftlich ein Bild vom Ablauf dieses Tages zu vermitteln. Hoffentlich gelingt´s!

Vorbereitungen

Über die Vorbereitungen haben wir Dich ja auf dem Laufenden gehalten. Der Tag sollte getragen werden, so die Idee Deiner Mutter, von den Berichten der Vertreter der großen Religionen über den jeweiligen Umgang mit den universellen Konstanten „Sterben“, „Tod“, „Trauer“, „Trauerrituale“. Dabei dachten wir nicht an wissenschaftliche Vorträge, sondern an Schilderungen persönlicher Erfahrungen, wie Menschen ihrer Religion mit dem Thema umgehen.

Wie gedankenlos man selbst, trotz vielfältiger beruflicher Erfahrung bisweilen mit dem Thema umgeht, wurde uns schnell klar gemacht: ursprünglich sollte der Tag auf einen Samstag gelegt werden – das hätte aber bedeutet, dass uns der Vertreter der jüdischen Gemeinde frühestens mit Ende des Sabbats zur Verfügung gestanden hätte. Und der Sabbat endet erst am Samstag mit dem Sonnenuntergang so gegen 21.30 Uhr! Hätte man eigentlich von vornherein dran denken können.

So sind wir auf den Freitag ausgewichen, wohl wissend, dass an diesem Tag die Fußballweltmeisterschaft beginnt und berufstätige Menschen vielleicht erst später Zeit haben würden.

Wie Du weißt, hatten wir in der Vorbereitungsphase diskutiert, ob wir den Informationsteil in Form einer Podiumsdikussion mit einem Moderator gestalten sollten oder ob wir jedem Referenten einfach etwa 30 Minuten zur freien Rede zur Verfügung stellen sollten. Angesichts der Absicht, die Information, nicht die Diskussion in den Mittelpunkt zu stellen, hatten wir uns für die zweite Organisationsform entschieden – in Kauf nehmend, dass uns damit die Dynamik der diskursiven Auseinandersetzung verloren ging.

Uns war klar, dass es gar nicht so einfach werden würde, qualifizierte und geeignete Menschen zu finden, die sowohl Wesentliches aus ihrer Religion berichten konnten als auch die Fähigkeit haben mussten, die Zuhörer über insgesamt zwei Stunden zu fesseln. Um es vorweg zu nehmen: bei allen vier ReferentInnen hat das so hervorragend geklappt, dass eine der Besucherinnen abends zu mir sagte:

„Das war solch eine gelungene Veranstaltung, das könnt ihr im nächsten Jahr mit Sicherheit nicht mehr toppen.“ (Meine verbale Reaktion: „Schau´n mer mal!“)

Mehr Gäste als erwartet

Aber der Reihe nach.
Obwohl als Beginn in den Einladungen angegeben war „ab 15.00 Uhr“ trafen bereits ab 14.00 Uhr die ersten Gäste ein. Bis zur offiziellen Eröffnung waren fast 50 Menschen gekommen: Nachbarn und Kollegen, Freunde und Bekannte, Verwandte und Interessierte, Angehörige Verstorbener und interessierte Menschen aus dem Dorf und den Nachbargemeinden.
Sandra hatte wie üblich die Räumlichkeiten liebevoll so dekoriert, dass Menschen sich in ihnen wohlfühlen und Johannes packte wie immer unauffällig überall da mit an, wo es jeweils am nötigsten war.

"Zeit ist das, was man an der Uhr abliest."
- Albert Einstein

Lukas, Du kennst die Fähigkeiten Deines Bruders, hatte wieder einmal für Kaffeeköstlichkeiten aus der ganzen Welt gesorgt. Dazu hatte die Bäckerei Schacht einen ebenso köstlich mundenden „Beerdigungskuchen“ geliefert und das Wetter, warm und freundlich, hatte auch Bestand.
So war alles bestens bereitet und mir selbst blieb nur noch der Versuch, den Gästen zu erklären, warum ein Bestattungshaus auf die Idee kommt, Tage der offenen Tür anzubieten?

Nun ja, in einer Zeit, in der es selbstverständlich ist, dass der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises Diepholz durchaus interessante Tage der offenen Tür anbietet, in der wie selbstverständlich das Rathaus in Siedenburg, Handwerker und Dienstleister sich selbstverständlich der Öffentlichkeit präsentieren – wie selbstverständlich muss es erst sein, dass ein Bestattungshaus sich öffnet und seinen Besuchern Gelegenheit bietet, gemeinsam über das größte Selbstverständnis des Lebens, eben über Sterben und Tod und Trauer nachzudenken.
Ein solcher Tag hilft ungemein, ein sonst verdrängtes, oft tabuisiertes Thema der öffentlichen Diskussion zugänglich zu machen.
Und auch der Umkehrschluss passt gut in dieses Gedankenbild: Je mehr ich mich mit dem Sterben beschäftige, umso wertvoller wird mir das Leben.
Ich glaube, diese Gedanken sind von den Besuchern verstanden worden.

Etwas außerhalb unserer ansonsten „logischen“ Tagesordnung hatten wir den Punkt aufgenommen: Überlegungen zur Gründung einer Borreliose-Selbsthilfegruppe. Wir hofften, unter den anwesenden Gästen einige Interessierte oder Betroffene zu finden, denen eine solche Gruppe wichtig sein könnte. Und tatsächlich: 15 Personen meldeten ihr Interesse an.
Allerdings sagte die vorgesehene Referentin eine Stunde vor Beginn der Gesprächsrunde aus gesundheitlichen Gründen ab. Das ist nun mal so bei Menschen, die selbst an Borreliose erkrankt sind: sie können nie vorher sagen, ob die Krankheit nicht gerade dann akut wird, wenn man Termine vereinbart hat, die man liebend gerne einhalten möchte.
Anita ist dann kurzfristig eingesprungen und konnte aus ihrer eigenen Erfahrung und Kenntnis die notwendigen Informationen liefern und das Gespräch leiten. Die Selbsthilfegruppe „Sulinger Land“ wird sich wohl in nächster Zeit etablieren.

Ich will jetzt im Folgenden nicht den Versuch machen, die Referate inhaltlich möglichst lückenlos wiederzugeben. Ich möchte vielmehr wichtig erscheinende Botschaften für mich selbst nochmals aufleben lassen indem ich versuche, Dir davon zu berichten. Und ich hoffe, damit auch ein wenig von der Atmosphäre dieses Tages aufleuchten zu lassen und Dir zu vermitteln – auch wenn die Zusammenfassung aphoristisch und lückenhaft bleibt.

Dharmacarini Amaracitta, buddhistin

In der Einladung hast Du gelesen, dass für das Buddhistische Zentrum Dharmacarini Amaracitta aus Minden sprach. Allein der Name symbolisiert lautmalerisch Musik und Leben aus fernen Landen und Kulturen. Dharmaracini, das ist die Bezeichnung für eine weibliche geweihte Buddhistin, Amaracitta entspricht unseren Eigennamen.

Im Buddhismus wir kein Schöpfergott verehrt – darum betrachten ihn manche Menschen auch nicht als eine Religion im gewöhnlichen, westlichen Sinne. Er ist auch kein Glaubenssystem, sondern ein praktischer Pfad: ein Pfad der Übung und der spirituellen Entwicklung, der darauf abzielt, Einsicht in die Wirklichkeit zu erlangen – d.h. ein tiefes inneres Verstehen der Natur des Lebens und die Fähigkeit, mit dieser in Harmonie zu leben.

Aus buddhistischer Sicht ist der Tod kein Anlass zur Trauer, sondern eher zur Freude: nach dem Leben ist der Tod nur eine weitere Phase, welche dazu dient, der Erleuchtung und dem endgültigen Einzug ins Nirwana näher zu kommen. Nach dem Tod wird der Körper verlassen und der Mensch wird in einem neuen Körper wieder geboren.
Zudem entwickelt die buddhistische Tradition seit Jahrtausenden Methoden, die den Menschen helfen, bewusster, liebevoller und weiser zu werden. Letztendlich zielt es jedoch auf jene Erfahrung hin, die Buddhisten „Erleuchtung“ nennen: eine tiefe Einsicht in die Verbundenheit allen Seins, die vollkommene Synthese von Weisheit und Mitgefühl.
Die Referentin berichtete unter anderem auch von ihren Reisen nach Indien und Thailand sowie ihren Erlebnissen bei dortigen Beisetzungen und Trauerfeiern. Das Ritual öffentlicher Verbrennung Verstorbener – bei uns wäre das unvorstellbar.

Gleichwohl wurde als Fazit ihrer Ausführungen deutlich, dass in Trauerfällen immer zwei wesentlich Grundsätze beherzigt werden: die Achtung vor der Würde des verstorbenen Menschen sowie die Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen dienen Buddhisten als Leitbild allen Verhaltens.

Harald Scheurenberg, jude

Harald Scheurenberg, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde im Mindener Land, brachte uns die Sichtweise jüdischer Mitbürger über Tod und Trauer nahe. Neu war für mich, dass Menschen, die verstorben sind, als „unrein“ gelten und dass ein Grab für die Ewigkeit gekauft wird, also nicht wie bei uns für maximal 30 Jahre gemietet wird.
„Unrein“, dieses Wort im Zusammenhang mit einem Verstorbenen, klingt in unseren Ohren zunächst ziemlich fremd. Wenn man aber mehr über die Lehre des Judentums hört, wird es wieder stimmig.

"Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen - doch es wachsen keine Blumen darauf"
- Vincent van Gogh

„Und Moses sagte: Sehe, ich gebe euch heute das Gute und das Böse, das Leben und den Tod, auf dass ihr das Leben wählet.“ Die Betonung im Judentum liegt auf dem Leben! Der jüdische Gott ist ein lebendiger Gott und der Mensch in seiner lebendigen Körperlichkeit ist sein Abbild auf Erden. Im Tod trennt sich die Seele vom lebendigen Fleisch und zurück bleibt ein lebloser Körper. Die Quelle aller Reinheit ist also das Leben selbst – und alle Arten ritueller Unreinheit finden ihren Ursprung in der Abwesenheit des Lebens. Wie bei uns noch manchmal üblich, wird ein Fenster geöffnet, wenn jemand stirbt, damit die Seele hinaus fliegen kann. Die Spiegel werden verhängt, damit die Seele nicht in eine Falle gelockt werden kann.
Die zurückgebliebene „Hülle“ muss mit Respekt und Liebe behandelt werden und darf nicht „entsorgt“ werden. Darum ist den Juden das Einäschern verboten. Im Judentum gibt es keine Bestattungsfirmen, das übernimmt die Chewra Kadischa (der heilige Verein), allerdings heute auch nicht mehr umsonst.
Der Verstorbene wird noch am Sterbetag vor Sonnenuntergang begraben, ganz einfach und ohne jeden Pomp oder Blumenschmuck.
Ein jüdisches Grab darf nicht eingeebnet werden. Die Ruhe des Körpers ist heilig auf ewig bzw. bis zur Auferstehung.

Gleichwohl wurde als Fazit seiner Ausführungen deutlich, dass in Trauerfällen immer zwei wesentliche Grundsätze beherzigt werden: die Achtung vor der Würde des verstorbenen Menschen sowie die Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen dienen Juden als Leitbild allen Verhaltens.

Mehmet Emin Tuncay, moslem

Anstelle des zunächst avisierten Vertreters des Islam, der aus persönlichen Gründen verhindert war, kam ein Vertreter des DITIB aus Hildesheim, Herr Mehmet Emin Tuncay.
Er verstand es hervorragend, die Grundsätze islamischen Glaubens so lebendig und nachvollziehbar zu erzählen, dass alle Zuhörer von seinem Vortrag gefesselt waren.

"Das gemeinschaftliche Essen ist eine sinnbildliche Handlung der Vereinigung"
- Novalis

Wusstes Du z.B., dass der Gott der Moslems ein alles verzeihender Gott ist? Allerdings: die Schandtaten, die ich meinem Nachbarn angetan habe, kann er nicht verzeihen, die kann nur der Nachbar mir verzeihen, wenn ich Ihn reuevoll darum bitte. Ein phantastisches System, den Frieden auf Erden zu erhalten. „Deshalb“, so schmunzelte der Referent, „erscheint bisweilen eine ganze Menschentraube bei einem Schwerkranken zu Besuch: man muss sich gegenseitig verzeihen, sonst ist ein friedvolles Sterben nicht möglich.“ Überraschende Übereinstimmungen ergaben sich bezüglich der praktischen Anwendung vieler Reinheitsgebote sowie der rituellen Waschungen im Judentum wie im Islam.

Gleichwohl wurde als Fazit seiner Ausführungen deutlich, dass in Trauerfällen immer zwei wesentliche Grundsätze beherzigt werden: die Achtung vor der Würde des verstorbenen Menschen sowie die Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen dienen Moslems als Leitbild allen Verhaltens.

Werner David, christ

Werner David, lange Jahre Leiter eines evangelischen Berufskollegs im Wittekindshof, hatte, bei Licht betrachtet, den schwierigsten Part: als Christ unter Christen die Trauerrituale der Christen zu referieren.
Er entzog sich dieser Aufgabe auf folgende Weise: er berichtete aus seiner erinnerten Biographie, wie er zunächst als Kind mit dem Tod naher Angehöriger konfrontiert wurde, wie die Umwelt reagierte, welche Rituale üblich und selbstverständlich waren: der nächste Nachbar wurde im Trauerfall informiert, der wiederum war verpflichtet, das ganze Dorf von dem Todesfall in Kenntnis zu setzen und aus der entfernten Nachbarschaft die Sargträger zu rekrutieren. Der Küster, der Pastor, der Schreiner, oft zugleich Bestatter, der Grabausheber, der Besitzer des Leichenwagens – viele Menschen mussten in Kenntnis gesetzt werden vom Tod eines Menschen.
Der Besitzer des Leichenwagens, oft ein gut situierter Bauer vor Ort, musste das Gespann herrichten: der Wagen wurde mit schwarzen Tüchern umhängt, die Pferde bekamen eine schwarze Maske über den Kopf, die nur die Augen frei ließ, eine schwarze Decke wurde über den Rücken gebreitet, selbst die Hufe wurden schwarz gefärbt.
So wurde der Verstorbene vom Trauerhaus vom ganzen Dorf zum Friedhof geleitet. Und wenn der Weg „über geteerte Kreisstraßen“ führte: kein Auto, kein Trecker, kein Omnibus durfte den Trauerzug überholen, sondern musste sich anschließen an den gemächlich schreitenden Trauerzug und somit der Majestät Tod Tribut zollen.

Manch älterer Zuhörer stimmte nickend den Ausführungen zu – und nur schwer ist zu verstehen, dass wir Heutigen es zulassen, es fast sogar für selbstverständlich halten, dass ca. 80 Prozent aller Sterbenden nicht mehr in der Geborgenheit der häuslichen Gemeinschaft sterben, sondern in der institutionellen Organisation eines Pflegeheimes oder eines Krankenhauses. Wenn die Angehörigen wenigstens wüssten, dass sie das Recht haben, den oder die Verstorbene aus Heim oder Krankenhaus nach Hause zu holen, um in Ruhe Abschied nehmen zu können!

Gleichwohl wurde als Fazit seiner Ausführungen deutlich, dass in Trauerfällen immer zwei wesentliche Grundsätze beherzigt wurden und werden: die Achtung vor der Würde des verstorbenen Menschen sowie die Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen dienen Christen als Leitbild allen Verhaltens.

Viele Gemeinsamkeiten

"Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur."
- Jean Paul

So wurde in der Auseinandersetzung mit den universellen Themen Sterben – Tod – Trauer deutlich:
bei allen, auch wesentlichen und nicht zu verwischenden Unterschieden überwiegt die gemeinsame Erkenntnis aller Kulturkreise: die Würde des Menschen ist auch im Tod unantastbar, und die Angehörigen haben ein Anrecht auf die Hilfe und Fürsorge der umgebenden Gemeinschaft.

Lange noch standen kleine Gruppen von Menschen diskutierend zusammen. Vielleicht ergibt sich aus dieser Vorarbeit zu gegebener Zeit die Organisation eines vertiefenden Seminars.

Für die Gäste hatten Deine Mutter und ich einige Karten entworfen und gedruckt. Diese konnte jeder als Erinnerung an diesen Tag mitnehmen – die Idee kam gut an. Ich hänge sie einfach mal als Anhang an.

Im Familienkreis, das kennst Du ja von früher, gab es dann anschließend noch eine sättigende Grillparty.

Schade, dass Du nicht dabei sein konntest.

Wir grüßen Dich bis später,
Mama, Deine Geschwister und ich - Klaus

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